Ostern und Pandemie

Ostern – A: Mt 28,1-10; 12. IV. 2020

von Dr. Markus Schlagnitweit

Schwestern und Brüder!
Töne wider, heilige Halle, töne von des Volkes mächtigem Jubel.“ Diese Aufforderung des Exultet-Sängers zu Beginn der Osternachts-Liturgie bleibt heuer –  außer vielleicht in medial übertragenen „Geistermessen“ – ungesungen und ergäbe   auch wenig Sinn. Die heiligen Hallen unserer Kirchen bleiben heuer ja leer und stumm – weltweit. Alle! Παντες δημοι (Pantes demoi) = alle Völker [von griech. παν  (pan) = alles & δημος (demos) = Volk (vgl. "Pandemie")] – alle Völker also sind davon  betroffen.

Es scheint, als wolle und wolle es heuer nicht Ostern werden, als verharre die Welt auf – zumindest bis dato – unbestimmte Zeit in der beklemmenden, lähmenden Schockstarre des Karsamstags. Von „verlängerter Fastenzeit“ und „überlangem Karsamstag“ wird tatsächlich landauf landab nicht nur in kirchlichen Kreisen gesprochen, sondern eher noch mehr in anderen Kontexten: Ich habe diese Metapher in den letzten Wochen jedenfalls häufiger aus dem Mund von Journalisten oder Politikern gehört. Verständlicher Weise sehnen sich alle nach einem Ende dieses lähmenden Zustands und danach, dass endlich – zumindest schrittweise, nach penibel ausgetüftelten Strategien – wieder Normalität einkehren, der erlösende Normalzustand langsam wieder hochgefahren werden kann. Genau an diesem Punkt aber bricht die schöne, aus dem Kirchenjahr genommene Metapher.

Denn: Ostern, Auferstehung bedeutet gerade nicht Rückkehr zur Normalität oder Wiederherstellung des früheren Lebens. Wer das erhofft, hat Ostern nicht verstanden. – Diese Erfahrung mussten schon die ersten biblischen Zeugen der Auferstehung machen: Ihre Begegnungen mit dem Auferstandenen tragen nicht den Charakter eines glücklichen Wiedersehens unter vertrauten Menschen. Sie sind eher geprägt von Irritationen: Maria Magdalena darf ihren geliebten Meister nicht berühren. Er kommt zwar durch verschlossene Türen, bleibt dann aber nicht. Er hält sogar wieder Mahl mit seinen einstigen Gefährten und ist doch nicht mehr vom selben Fleisch und Blut. Kurz: Das neue Leben, zu dem Christus auferstand, ist ein anderes. Von „Normalzustand“ oder „Normalisierung der alten Beziehungen“ kann keine Rede mehr sein.

Das muss sich jeder Mensch sagen lassen, darauf muss jeder Mensch sich einlassen, wenn es ihm denn ernst ist mit Ostern. So sehr ich die Sehnsucht nach Normalität gerade jetzt verstehen und nachvollziehen kann – es ist nichts un-österlicher, als sich dieser Sehnsucht hinzugeben und mit österlicher Hoffnung zu verwechseln. Wer dagegen wirklich will, dass es Ostern wird in dieser Welt, muss darauf hoffen, dass nach der großen Krise alles anders wird als vorher – besser natürlich, aber nicht nach den gewohnten Maßstäben von vor der Krise. Nicht einmal die dürfen Geltung behalten!

Am Ende des heutigen Osterevangeliums sagt Jesus zu den ersten Zeugen seiner Auferstehung: „Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern (und Schwestern), sie sollen nach Galiläa gehen.“ – … nach Galiläa also! Galiläa aber ist gewiss nicht der ursprüngliche Sehnsuchtsort, ist nicht Jerusalem, nicht das hippe Zentrum, nicht der Inbegriff von Leben, an dem sich alles Bisherige gemessen hat. Galiläa – das ist eine Gegend, die davor gerade nichts galt, die nach den bisherigen Maßstäben als unbedeutend, minderwertig, wenig attraktiv angesehen wurde. Dort aber ist ab nun der Ort der Begegnung mit dem Auferstandenen.

Also auf nach Galiläa! – Ich weiß selbst noch nicht mit Bestimmtheit, wo das heute zu suchen ist – nur so viel: nicht in der früheren Normalität und auch nicht dort, was in der früheren Normalität als erstrebenswert galt. Wovon ich da spreche, kann ja jedeR schon einmal für sich benennen. Und als positive Anregung für die Suche hilft vielleicht die Botschaft, derentwegen Jesus am Kreuz gelandet ist – zumindest jenen, die an Ostern und die Auferstehung glauben …