Sonntagspredigt

 

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B, 19. September 2021

Lesung: Jakobusbrief 3,16-4,3                                              Evangelium: Markus 9,30-37

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 


Ich bin immer entsetzt, wenn ich dieses Evangelium höre, das uns soeben verkündet worden ist. Da spricht Jesus davon, dass er sterben wird müssen; und seine Jünger streiten miteinander, wer von ihnen der Größte sei.

Und dann denk ich mir: Machen wir´s nicht oft genauso? Bin ich nicht auch gelegentlich wie diese Jünger?

Da liegen Menschen im Sterben, da sind Menschen am Verhungern, und wir meckern, wenn das Brot nicht mehr ganz frisch ist, wenn das Schnitzel zu hell oder zu dunkel geraten ist. Wir machen uns Gedanken, wie wir vor den Nachbarn da stehen, wenn wir nicht so erfolgreich sind oder nicht so viel verdienen. Wir sind enttäuscht und gekränkt, wenn jemand gelobt wird, und wenn wir vielleicht übersehen werden. Manche können tagelang nicht schlafen, wenn jemand anderer etwas geworden ist, sie selbst aber scheinbar nicht weiterkommen. Auch wir wollen gut da stehen, gelobt und geehrt werden. Auch wir wollen wer sein und etwas haben.

Dieses Streben geht durch alle Bevölkerungsschichten und durch alle Berufsgruppen. Da sind auch die Priester keine Ausnahme. Nicht umsonst gibt es gerade auch in der Kirche eine jede Menge von Titeln und Auszeichnungen. Bei einer großen Priesterversammlung hat vor Jahren einmal ein Priester gemeint, man solle in der Kirche alle Titel abschaffen. Da ist der damalige Weihbischof Dr. Alois Stöger aufgestanden und hat gesagt: „Da sind alle gegen die Titel und Auszeichnungen, und kaum wird einer Monsignore, hat er schon den Talar mit der Knopflochentzündung! (Er meinte damit den Talar mit den roten Knöpfen und den rot gesäumten Knopflöchern.)

Sind wir nicht alle in gewisser Weise eitel? Wollen wir nicht alle etwas sein und etwas gelten?

Jesus scheint da gar nichts dagegen zu haben. Nur setzt er andere Kriterien als wir sie normalerweise anlegen.

„Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“, sagt er. Nicht der ist groß, der Geld hat, Macht, Titel und Einfluss. Der ist groß, der bereit ist, für die Mitmenschen da zu sein. Der ist groß, der sich um die Kleinsten kümmert, um die Hilflosen, um die, die auf Hilfe angewiesen sind.

So stellt Jesus ein Kind in ihre Mitte und sagt: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“

Kinder waren zur Zeit Jesu nicht besonders geachtet, jedenfalls nicht so verwöhnt und vergöttert wie das heute unsere Kinder vielfach sind. Kinder hat´s damals, anders als heute, genug gegeben. Und wer ein solches Kind aufgenommen hat, hat sich nur Schwierigkeiten aufgehalst. Alle Eltern wissen es: Kinde sind zwar lieb; sie können aber sehr anstrengend sein, fordernd. Sie brauchen viel Zeit, viel Zuwendung, oft auch viel Geduld. Und sie brauchen auch Geld, das sie sich nicht verdienen können. Kinder können sich auch nicht revanchieren für das, was ihnen gegeben wird. Wer ein Kind aufnimmt, muss bereit sein, zu geben, zu schenken, ohne auf Vergütung hoffen zu dürfen.

Diese Menschen sind groß, sagt Jesus. Menschen, die bereit sind zum Geben, ohne auf Rückerstattung zu hoffen. Die sind groß, die auch denen helfen, die sich nicht revanchieren können.

Jesus hat selbst vorgelebt, was das bedeutet. Er, der groß war, der Gott war, hat sich selbst ganz klein gemacht und ist ein armseliger Mensch geworden. Er, der Gott war, hat sich hinabgebeugt zu den Menschen und hat seinen Schülern die Füße gewaschen. Er, der Gott war, ist wie ein Verbrecher gekreuzigt worden und hat für die gebetet, die ihn ans Kreuz geschlagen haben: „Vater, vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun!“

Und viele seiner Schüler haben versucht, es ihm nachzumachen. Ich denke an große Heilige der Kirche: An den Bischof Martin, an den Bischof Nikolaus, an die heilige Elisabeth, an Mutter Teresa in jüngster Vergangenheit. Sie alle sind in bester Erinnerung, nicht, weil sie mächtige, einflussreiche Persönlichkeiten gewesen sind. Sie sind in bester Erinnerung, weil sie sich der Notleidenden angenommen haben, weil sie gezeigt haben, was es heißt, als Christ in dieser Welt zu leben, weil sie wahrhaft menschlich gehandelt haben. Sie haben nicht auf sich selbst geschaut. Sie haben auf ihre Mitmenschen geschaut und auf das, was diese brauchten.
In der Lesung haben wir gehört: „Wo Eifersucht und Ehrgeiz herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art. Doch die Weisheit von oben ist erstens heilig, sodann friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten.“

Wenn wir uns darüber entsetzen, weil die Jünger Jesu so irdische Gedanken gehabt haben, während Jesus vom Sterben spricht; wenn wir uns entsetzen über das, was unseren Mitmenschen oft so wichtig ist; und wenn wir uns vielleicht auch gelegentlich entsetzen, weil wir selber nicht viel anders sind, dann dürfen wir bitten um die Weisheit von oben, um den Geist Gottes. Möge uns der Geist Gottes erkennen lassen, was wichtig ist. Möge er uns die Kraft geben, das Richtige zu tun, das Richtige zu denken. Möge der Geist Gottes uns die Demut schenke, dass wir wie Jesus bereit sind zum Dienen. Dann sind wir wahrhaft groß.

 


 


Dechant
KR Mag. Wolfgang Reisenhofer

Pfarrer in Mank